Was ist dran an der Behauptung der Rechten wir hätten eine „Lügenpresse“? Bereits am 10.12.2016 hatte ich diese Frage anhand von zwei Beispielen aus der Saarbrücker Zeitung untersucht. Heute beziehe ich mich auf einen Leserbrief vom 12.1.2017 sowie die gleichzeitige Antwort einer Journalistin darauf. Ich schrieb dazu einen Leserbrief, den ich unten anführe. Ich komme darin zu dem Schluss, dass die Saarbrücker Zeitung zwar nicht lügt aber doppelzüngig und in ihrem eigenen kommerziellen Interesse handelt.

<Hallo Redaktion,
zum Leserbrief „Zustrom zu Populisten …“ von Wolf-Dieter Roth und der Antwort von Monika Kühlbort am 12.1.2017 hier meine Meinung:
Ich stimme Herrn Roth zu wenn er die kriminelle Energie der Autokonzerne – besonders VW mit seinen Dieselmotoren – kritisiert. Er bemängelt zurecht auch die Haltung der „Politik“. Er übersieht jedoch, dass die Politiker von ihren Wählern schon seit Jahren auch wegen deren Autofetischismus immer wieder gewählt wurden. Die Firmen durften sich ebenfalls bestätigt fühlen weil die Käufer ihnen ihre „Dreckschleudern“ auch heute noch abnehmen.
Frau Kühlbort verteidigt natürlich ihren Arbeitgeber, Ihre Zeitung. Deren Haltung ist zumindest doppelzüngig. Einerseits berichtet sie schon über die Umweltthemen; Die Leser könnten also durchaus im Bilde darüber sein was sie mit ihrem umweltschädlichen Konsum anrichten. Andererseits berichten Sie zumindest wohlwollend über die Autos. In Ihrer wöchentlichen „Motorbeilage“ finde ich etwa wahre Hymnen über „Muskelprotze, Samtpfoten“ usw. Damit beteiligen Sie sich aktiv an der allgemeinen Desinformation; Kritik daran haben Sie schon 1997 zurückgewiesen. Ihre Haltung ist zwar auch unethisch aber nicht im Sinne einer „Lügenpresse“ wie die Rechten behaupten. Deren Informationen verstoßen noch viel schlimmer etwa gegen das Gebot der Aufrichtigkeit.>
—————————————————————————-
Hier mein Beitrag vom 10.12.2016:
Dieser Begriff wurde auch schon von den Nazis verwendet. Ich nehme an, dass mit „Lügenpresse“ auch Radio- und Fernseh-Programme gemeint sind. Genauer wäre, von „Lügenmedien“ zu sprechen. Ich kann aber auch nicht erkennen, dass die Medien der Anderen – Nazis, AfD, Russland usw. – ein klareres Bild liefern.
Wie im Buch ausgeführt ist jedoch klar, dass die Mächtigen Einfluss nehmen – auch in unserer „freien“ Gesellschaft. Sie besitzen große Medienunternehmen und werden Niemanden gegen ihre eigenen Interessen schreiben lassen. Sie wählen ihr Personal entsprechend aus und leiten es an.
Es gibt andererseits aber viele andere Organisationen wie Parteien, Gewerkschaften, Umweltverbände u.dgl., die eigene Medien betreiben und so unabhängig von den o.g. Unternehmen eigene Öffentlichkeitsarbeit betreiben. Allein schon deshalb unterscheidet sich unsere Medien-Landschaft deutlich von denen in autokratisch gelenkten Systemen wie in Russland, China usw. Es dürfte allein schon deshalb bei uns schwierig sein, vollkommen gegensätzliche Tatsachen zu verbreiten.
Dennoch sind auch unsere Medien nicht objektiv oder neutral wie manche gerne glauben machen wollen. Überall – in den Führungsetagen und in den Redaktionsräumen sitzen fehlbare Menschen, die etwa als Verbraucher und Wähler Teil des Systems sind.
Ich beleuchte hier zwei Artikel einer großen saarländischen Zeitung vom 27.10.2016 unter der Sicht der in meinem Buch vertretenen Thesen.
a) „Der Glaube an das richtige Essen; Individueller Ernährungsstil dient vielen schon als Religionsersatz“ von Thorsten Grim (SZ) und Christina Sticht (DPA) sowie
b) „Düstere Zukunft für Geringverdiener; Versicherungsbericht: Kurzfristig Rentenplus, langfristig Altersarmut “ von Basil Wegener und Kristina Dunz (dpa).
Zu a)
Ein einerseits durchaus lesenswerter Artikel über Ernährungsstile (Food-Porn, Vegetarisch/Vegan, Paleo und Beef). Andererseits vermisse ich zu dem Thema den Umweltaspekt: „Wir ernähren uns vegetarisch oder gar nicht“ schrieb ein Autor. Aus den verschiedensten Gründen ist dies langfristig angesagt. Die Autoren tun so als wäre dies eine neue Religion – also Privatsache. Ähnlich hält die genannte Zeitung aus kommerziellen Gründen das Auto hoch. Sie informiert also unter eigennützigen Interessen. Dies bedeutet aber auch Desinformation, die langfristig für uns alle schädlich ist.
Zu b)
Auch dieser Artikel beleuchtet durchaus lesenswert anstehende Probleme der Rentenversicherung und der zu befürchtenden Altersarmut in Deutschland. Die aktuellen Positionen der großen Parteien werden erläutert. Es wird auch vor Altersarmut gewarnt da nur 47% der Geringverdiener vorsorgten. Wie aber sollte gerade diese armen Menschen vorsorgen? Es wird ferner erklärt, dass es künftig 40 Mrd. € pro Jahr kosten würde, das heutige Rentenniveau auch nur zu halten. Über die entscheidenden Hintergründe der Rentenmisere – Einfrieren der Arbeitgeberbeiträge, Koppelung der Rente an die Arbeit etwa im Gegensatz zu einem bedingungslosen Grundeinkommen – schweigen die Autoren.
Dazu passt dann ein Kommentar (von Joachim Wollschläger) mit der Überschrift: „Die Politik hat versagt“. Ein vermeintlicher Sündenbock lenkt vom eigenen Versagen ab. Die Zeitung hätte ja zumindest den Besserverdienenden nahe legen können, selbst mehr für ihreAltersversorgung zu tun und den Armen mehr zuzugestehen. Das passt jedoch nicht in das Bestreben, den Konsum (Auto, Reisen) zu propagieren weil damit eher Geld zu verdienen ist. Also auch hier Desinformation aus Eigennutz?

Der Blick auf beide Artikel zeigt zudem, dass die Sachverhalte so kompliziert und komplex sind, dass es besonderen Wissens und großer Anstrengungen bedarf, um mit dem Leben als Individuum und in Gesellschaften zurecht zu kommen. Also eher Desinformation aus Unwissenheit auch der Gesellschaft. Der Ausdruck „Lügenpresse“ vernebelt und deutet eher auf die Unwissenheit ihrer Nutzer hin .

Tags:,